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Apr 08

Zerbricht das System?

In Hamburg gibt es Zehntausende Haushalte, die ihre Stromrechnung nicht bezahlen können und denen deshalb die Stromzufuhr gesperrt wird. In Hamburg gibt es Zehntausende Haushalte, die ihre Miete nicht bezahlen können und deshalb auf Wohngeld angewiesen sind. In Hamburg gibt es Zehntausende Haushalte, deren Haushaltsvorstand (Behördendeutsch) bei voller Arbeitszeitleistung so wenig verdienen, dass sie durch die Agentur für Arbeit ihr Einkommen aufstocken lassen müssen. In Hamburg gibt es Zehntausende von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht arbeiten können und von der Agentur für Arbeit ihr Einkommen beziehen. Und in Hamburg gibt es Zehntausende Menschen, die so arm sind, beispielsweise so wenig Rente erhalten, dass sie auf Sozialhilfe – beschönigend Grundsicherung – angewiesen sind.

Open-Clipart Vecorts auf Pixabay

Seit gut 70 Jahren ist die Not ganzer Bevölkerungsgruppen in Hamburg so groß, dass jemand eine tolle Idee hatte. Er wollte wenigstens den Hunger von diesen Menschen bekämpfen bzw. gleich ganz vermeiden. Und so entstand vor 30 Jahren die erste Tafel.

Dieses System funktioniert, indem Supermärkte Lebensmittel spenden, die für den Verkauf nicht mehr geeignet sind. Andere Firmen, wie beispielsweise Mercedes Benz, stellen verbilligt Sprinter zur Verfügung, wieder andere Firmen die nichts mit Lebensmitteln zu tun haben, beteiligen sich mit großzügigen Geldspenden.

Die Ehrenamtlichen holen die Lebensmittel ab und bringen sie zu den unterschiedlichsten Stellen, aber auch direkt zu Ab- und Ausgabestellen, zu denen Bedürftige mit einem H4 Nachweis gehen und Lebensmittel abholen können. Andere Ehrenamtliche verteilen die Lebensmittel. Dies bisher zweimal in der Woche. Aufgrund der immer weiter um sich greifenden Armut nur noch einmal in der Woche. Dabei konnten die Bedürftigen sich aussuchen, was sie gern essen wollten, so es denn vorrätig war. Im Rahmen dessen, was sie wirklich benötigten, gab es eine Abteilung mit Obst, mit Gemüse, Fleisch, Aufschnitt, Milch und Milchprodukten, Fertiggerichten und Konserven. Manchmal sogar Blumen.

Aktuell sammeln die Ehrenamtlichen allein in Hamburg 90 t Lebensmittel pro Woche ein, um sie dann an die 27 Ausgabestellen zu verteilen.

Das System „Die Tafel“ hat sich zwischenzeitlich so ausgedehnt, dass sie zu einer Stiftung geworden ist, mit einem ehrenamtlichen Vorstand, Angestellten und Zehntausenden von Ehrenamtlichen.

Weiter bieten Sie Stellen im Rahmen von FSJ / BFD an. Menschen können dort Praktika absolvieren. Es gibt die Möglichkeit, sich als Fördermitglied mit einer regelmäßigen Spende zu beteiligen. Und natürlich als Ehrenamtlicher dort unentgeltlich zu arbeiten. Hört sich toll an, ist auch eine tolle Idee, wenn, ja wenn die menschliche Gier nicht wäre.

Doch das System hakt. Bei den ehrenamtlichen Verteilern handelt es sich leider nicht immer um selbstlose Menschen, die anderen bedürftigen Menschen helfen wollen. Immer wieder geraten die Tafeln in unangenehme mediale Berichterstattung. Mal sind es einzelne Mitarbeiter, die die Tafeln als Selbstbedienungsläden ansehen, mal die gesamte ehrenamtliche Belegschaft. Das Gros der Ehrenamtlichen will tatsächlich helfen. Doch zwischenzeitlich stellen sich immer mehr Menschen als „Ehrenamtliche“ zur Verfügung, ausschließlich mit dem Ziel, unentgeltlich an Lebensmittel zu gelangen. Da kommen schon zwischen Abholung vom Supermarkt und Abgabe bei der zentralen Sammelstelle etliche Lebensmittel abhanden. Da meinen „Ehrenamtliche“ in den Abgabestellen sich die Taschen zu Vorderst füllen zu dürfen. Anschließend berufen sie sich auf ihre Krankheiten, die es ihnen leider nicht erlauben, länger als eine halbe oder eine Stunde tätig zu sein um dann mit ihrer Beute zu verschwinden.

Da ich darauf angesprochen wurde, von Abholern, schaute ich einmal genauer hin. Ich erlebte jetzt  zwei Fälle, bei denen die ehrenamtlichen – in diesem Falle – Damen „ihre Ausgabe“ hatten, aber schon nach ein bis zwei Stunden wieder zu Hause waren – mit bis zum Rand, mit Lebensmitteln gefüllten Trolleys und Taschen.

Hat die oder der Ehrenamtliche noch einen Partner, kommen die beiden locker im Monat auf einen finanziellen Gegenwert in Nahrungsmitteln von 250,- – 300,- €. Ist der oder die Ehrenamtliche allein, sind es immer noch gut 100,- – 150,- €.

Da sich die Ehrenamtlichen vor der Verteilung zuerst nehmen dürfen, fehlt es den Bedürftigen an allem wie Milch und Milchprodukten, Eiern, Aufschnitt und vielem mehr.  

Brot TiBine auf Pixabay

Dieses Prinzip der Selbstbedienung und Gier hat zwischenzeitlich derartige Ausmaße angenommen, dass die Bedürftigen sich die Lebensmittel in vielen Verteilstellen nicht mehr aussuchen dürfen, weil nicht mehr genug da sind. Stattdessen erhalten sie vorverpackte Tüten mit einem Sammelsurium von Nahrungsmitteln, von denen sie einige gar nicht essen, andere schlicht aus Biomüll bestehen, also schlecht sind, den sie dann zu Hause entsorgen dürfen und nur ein kleiner Teil verwertbar. Und der reicht bei weitem nicht für eine Woche. Schlimm, denn es ist nicht anzunehmen, dass Supermärkte der Tafel Biomüll zuführen. Ganz schlimm wird die Sache, wenn die Bedürftigen pro Abholung oder Tüte noch einen, zwei oder gar drei Euro zahlen müssen. Das Geld wird dann für Hygienemaßnahmen ausgegeben – so die Tafeln. Allerdings muss man wissen, dass sie grundsätzlich gut 750.000,- € im Jahr an Geldern einnehmen.

Und nein, ich bestreite nicht, dass es den einen oder anderen ehrenamtlichen Bedürftigen gibt. Ich glaube sogar, dass sehr viele berechtigte Bedürftige als Ehrenamtliche arbeiten und sich ihm Rahmen ihres Rechtes Lebensmittel mitnehmen. Auch bestreite ich nicht, dass der eine oder die andere Ehrenamtliche wirklich krank ist – im Alter ist das einfach so – und nicht so lange ehrenamtlich tätig sein kann. Aber das gilt leider nicht für alle. Und ja, jeder Ehrenamtliche hat das Recht, sich im kleinen Rahmen selbst etwas mitzunehmen, auch wenn er kein Hartz 4 erhält.

Doch auch bei den Bedürftigen hat sich das lange herumgesprochen – und sie meiden diese entsprechenden Ausgabestellen, weil sie sich nur an einer registrieren lassen dürfen. Großes Lob beispielsweise erhält die Ausgabestelle Hamburg / Jennfeld. Und es gibt noch weitere Stellen. Doch gibt es auch immer wieder Stellen, die weniger stark frequentiert werden, „weil es dort nicht so viel gibt“, wie die Bedürftigen vorsichtig formulieren. Wenn man das System der Vergabe aus dem Zentrallager der Tafel jedoch kennt, weiß man, dass die Stellen alle mit den gleichen Mengen bedacht werden. Vielleicht sollten „Die Tafeln“ sich einmal ansehen, wie viele Menschen in den einzelnen Stellen registriert sind – und warum. Da fahren nämlich Menschen von Billstedt bis nach Jenfeld.

Völlig pervertiert wird das System, weil auch die Agentur für Arbeit und das Sozialamt spitz gekriegt haben, dass Umsonstlebensmittel durchaus einen Wert haben. Und so muss jeder Antragsteller eine Rubrik ausfüllen, ob er unentgeltliche Lebensmittel erhält. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn hier jemand lügt. Andererseits dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis der Sozialstaat diese Lebensmittel mit einem Schätzwert belegt, um die Zuwendungen kürzen zu können. Wohlgemerkt betrifft das die Bedürftigen, nicht die Ehrenamtlichen, die sich widerrechtlich bedienen. Denn an die kommt der Staat ja nicht oder nur bedingt oder schwer heran.

Ein weiteres Problem, welches ich sehe, sind die Gitterboxen in einigen Supermärkten, die dazu auffordern, dass die Kunden Lebensmittel kaufen und dann in diese Boxen für die Tafel werfen sollen. Da wird für irgendwelche Organisationen geworben. Sie sollen bestimmte Produktarten in diesem Supermarkt kaufen – und dann in diese Spendenboxen werfen. Der Einzige, der daran verdient, ist der Supermarkt. Ich kaufe bei einem Supermarkt etwas, was dieser im Einkauf für den Bruchteil des Verkaufspreises erstehen kann, und spende es. Wenn schon kaufen, dann sollten die Supermärkte es so konzipieren, dass die Kunden die Dinge für den Einkaufspreis erhalten: Sie gehen an die Kasse, sagen der Kassiererin, welche Produkte für die Tafel gedacht sind, sie zieht nur den Einkaufspreis ab und wirft das Produkt sogleich in eine Spendenbox neben der Kasse. So erhalten die Tafeln die Produkte. Die Kunden zahlen nur einen Bruchteil des Einkaufspreises, der Supermarkt hat keinen Verlust und alle haben gewonnen.

Aktuell bittet die Tafel dringend um Spenden, weil die Nachfrage aufgrund der Flüchtlingskrise aus der Ukraine extrem gestiegen sei. Wohlweislich bitten sie um haltbare Lebensmittel wie Reis, Nudeln und Dosen.

Wobei das unberechtigte Aneignen der Lebensmittelspenden rein rechtlich eine Straftat ist. Unterschlagung oder Betrug.

Werfen Sie etwas weg und wollen es dem Müll zuführen, ist das Ihre Entscheidung. Durchsucht jemand Ihren Müll und nimmt sich das, ist es rein rechtlich ein Diebstahl, weil der Müll Ihnen gehört.

Nehmen Sie bei Ihrem Arbeitgeber auch nur einen leeren Pappkarton ungefragt mit, ist das Grund genug für eine Abmahnung. Büromaterial, ja selbst Klopapier kann sogar zu einer fristlosen Kündigung führen. Die Gerichte sind da aufseiten der Arbeitgeber und verstehen keinen Spaß.

Analog ist zu vermuten, dass es sich bei der Tafel um dasselbe Problem handelt. Führt ein Supermarkt seine überschüssigen Lebensmittel der Tafel zu, sind diese Lebensmittel im Sinne des Marktes ganz sicher für die Bedürftigen gedacht und damit zweckgebunden. Nicht aber für Menschen, die dieses System missbrauchen. Und es kann man sagen, dass es sich bei der Bereicherung der Ehrenamtlichen an den Lebensmitteln, die für Bedürftigen gedacht sind, um Betrug oder Unterschlagung handelt. Das rechtliche Problem hier ist, dass klar ist, dass die Ehrenamtlichen sich als kleine Anerkennung selbst etwas von den Lebensmitteln nehmen dürfen. Und so stellt sich die Frage, wann bzw. in welchem Rahmen und in welchen Mengen ist es noch eine Aufmerksamkeit und ab wann ist es eine Bereicherung. Die in den Bereich Betrug und Unterschlagung geht. Eine Grauzone, die sehr schwer zu definieren ist und die vor Gericht sicher abschlägig beschieden würde. Und so können die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tafel lustig weitermachen. Die Bedürftigen hungern, müssen angegammelte Lebensmittel essen und weiterhin in Mülleimern suchen.

Machen kann man da ganz wenig, weil die Tafel zwar zwischenzeitlich an Selbstgänger mit bezahlten Stellen ist, aber eine Privatinitiative und nicht staatlich.

Und ja, bei 30.000 – 40.000 Bedürftigen allein in Hamburg, haben wir die Tafeln bitter nötig. Doch sollte hier ein wenig mehr Kontrolle stattfinden. Vielleicht sollten dort auch nur Ehrenamtliche arbeiten dürfen, die selbst H4 beziehen – sich dennoch nur in Maßen bedienen dürfen sollten. Ein Problem ist sicher auch die menschliche Nähe. Da mag der Leiter oder die Leiterin nicht nein sagen, denn man kennt sich ja.

 

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